Auf ein Wort mit Franziska Karg-Röckl | VS

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Das Churermodell vom Klassenzimmer zur Lernlandschaft

Franziska Karg-Röckl unterrichtet als Mittelschullehrerin an der Kreuzberg Grund- und Mittelschule in Schwandorf, wo sie auch Konrektorin ist. Seit sieben Jahren arbeitet sie in ihren Klassen nach dem Churermodell. Wir wollten wissen, was genau hinter diesem Lernraumkonzept steckt und welche Erfahrungen sie damit gemacht hat. 

Frau Karg-Röckl, warum haben Sie in Ihren Klassen das Churermodell eingeführt?

Weil es viele wichtige Elemente miteinander verbindet. Es setzt auf die Selbstbestimmung der Kinder, auf Selbstwirksamkeit und auf ein respektvolles miteinander Arbeiten. Damit fördert es die Kompetenzen, die die Kinder brauchen, sowohl jetzt als auch später im Berufsleben.

Mit dem herkömmlichen Unterricht kommen wir in Schulen, vor allem bei herausfordernden Klassen, schnell an unsere Grenzen. Mit dem Churermodell läuft jede Klasse einfach besser. Die Schüler sind sozialverträglicher. Auch für mich ist es im Unterricht leichter. Ich sehe mich nicht als reinen Wissensvermittler, sondern als Lernbegleiter, der Schüler zum eigenständigen Handeln anregt und dabei unterstützend zur Seite steht.

Warum haben Sie sich für das Churermodell entschieden? Es gibt ja auch andere Lernraum-Modelle.

Wobei der Grundgedanke immer der gleiche ist, und der heißt: offener Raum. Die Schüler wählen selbst ihre Lernaufgaben und Arbeitsplätze, an denen sie allein oder mit Partner arbeiten. Dieser Selbstbestimmungsgedanke ist grundlegend, auch wenn natürlich ich als Lehrperson die Strukturen vorgebe. Aber Vorsicht: eine offene Lernumgebung impliziert nicht automatisch offenes Lernen.

Was mir besonders wichtig ist und im Churermodell zentral: Alle sind auf Augenhöhe. Ich finde nichts schlimmer als die Einstellung: Du machst, was ich vorgebe, mit keinerlei Möglichkeiten zur Partizipation. Ich möchte mündige Schüler in die Welt lassen, die zuhören, die nachfragen und dann ihre Kritik rüberbringen – in Goldpapier verpackt, damit’s auch ankommt. Dafür ist das Churermodell mit dem Kreis als Herzstück des Unterrichts und dem offenen Raum ideal.

Was bewirkt denn der Kreis?

Alle sind auf Augenhöhe, niemand sitzt in zweiter Reihe, jeder kann jeden sehen, jeder bekommt die gleiche Aufmerksamkeit, jeder wird gehört. Das fördert die aktive Beteiligung, weil sich alle direkt angesprochen fühlen. Die Sozialkompetenz nimmt zu, die Klasse wird ein Team. Gleichzeitig entsteht ein anderer Umgang: Wenn man sich in die Augen schaut, ist die Hemmschwelle höher, unfair zu sein. Die Klasse rückt enger zusammen, das Sozialverhalten verbessert sich spürbar. Und auch ich als Lehrerin merke: Da ist eine Verbindung. Der Kreis wird für vor allem für Input- und Reflexionsphasen genutzt, dazwischen geht es in den offenen Lernraum.
 

„Beim Churermodell habe ich die Möglichkeit Vielfalt besser zu bedienen.“

Wie setzt sich Ihre aktuelle Klasse, eine neunte, zusammen?

Wir haben einen sehr hohen Migrationsanteil, von dem fast jeder Schüler der Klasse betroffen ist.  Auch die Lernstände der Schülerinnen und Schüler sind sehr unterschiedlich. Beim Churermodell habe ich die Möglichkeit, diese Vielfalt besser zu bedienen, da ich für jedes Niveau Aufgaben anbieten kann, aus denen die Schüler passende wähle, um sie zu bearbeiten. Ich habe auch immer die Möglichkeit, mich sowohl zu den Kindern zu setzen, die mehr Unterstützung brauchen, als auch zu denen, die leistungsstärker sind. Denn auch die dürfen nicht untergehen.

Wie wirkt sich das auf die Schüler aus? 

Sehr motivierend. Und ganz wichtig: Sie lernen das Lernen – durch die Vielfalt an Arbeitsplätzen, durch die eigenständige Zeiteinteilung und durch Feedback. Das Feedback von Lehrerseite ist unerlässlich. Im Endeffekt bin ich also nur noch Moderatorin und Lernbegleiterin. 

Wie sind die Lernergebnisse?

Hervorragend. Wir bringen viele zum Abschluss, die es im herkömmlichen Klassenunterricht nicht geschafft hätten. Am Anfang dauert es, bis sich alles eingespielt hat. Spätestens Weihnachten sind alle so weit, eigenständig zu lernen. Ab dann geht es steil bergauf. Aber immer mit dem Wissen im Hintergrund: Ich muss mein eigenes Lernen reflektieren. 

Schüler können nicht selbstständig arbeiten, wenn sie nicht auf diese Metaebene gehen. Dafür brauchen sie, zumindest zu Beginn, die Anleitung von mir: Wo stehst du gerade? Was hast du gut bearbeiten können? Was ging nicht so gut und warum? Was könntest du das nächste Mal tun, damit dir die Zeit nicht ausgeht? Jeder Leistungsnachweis wird durch eine Reflexion abgeschlossen, die ebenfalls in die Bewertung einfließt. Reflexionsfähigkeit ist für mich ein wesentlicher Bestandteil von Lernkompetenz.
 

„Mit dem Churermodell läuft jede Klasse einfach besser.“

Was steht denn in den Reflexionen?

Ganz unterschiedlich: „Das Thema war nicht so mein Ding.“ Oder: „Beim Lernen ist es mir gut gegangen, aber ich habe festgestellt, ich hätte im Unterricht mehr arbeiten sollen.“ Oder: „Ich hätte zu Hause mehr üben müssen.“ Auch das merken Schüler selbst, denn ich gebe keine Hausaufgaben auf. Ohne Hausaufgaben ist das Leben viel leichter. Wer üben will, kann üben, und dann gebe ich auch gerne Aufgaben, aber solche, die für den jeweiligen Leistungsstand sinnvoll sind. Wer die Grundrechenarten beherrscht, braucht keine Aufgabenstellung nur mit Grundrechenarten als Hausaufgabe, der bekommt eine anspruchsvollere Aufgabe, die auch herausfordert und auf dem vorhandenen Wissen aufbaut.

Welche ersten Schritte haben Sie unternommen, um das Churermodell einzuführen?

Als erstes habe ich Papphocker gekauft, wie man sie von Messen kennt, um den Stuhlkreis zu garantieren. Dann habe ich in den Ferien mein Klassenzimmer umgestellt. Unsere Klassenzimmer sind zwar relativ groß, aber der Stuhlkreis braucht Platz. Und der ist fix, an dem wird nichts verändert. Außen habe ich Gruppen- und Einzelarbeitsplätze geschaffen. Die lassen sich je nach Bedarf verrücken. Wenn also ein Kollege in die Klasse kommt, der möchte, dass alle nach vorne schauen, dann drehen die Schüler die Tische einfach nach vorn. Der Stuhlkreis kann einbezogen werden, aber er bleibt stehen. 

Wir haben Ihre Kollegen reagiert?

Positiv. Schon mit vielen Fragen, aber alles in allem positiv. Es haben aber nicht alle sofort nachgezogen, sondern erst mal beobachtet. Inzwischen sind in unserer Grundschule fast alle Lehrkräfte dabei. Die Mittelschule zieht gerade nach. Auch an der vorhergehenden Schule wurden viele Elemente übernommen.

„Die Umstellung auf das Churermodell macht am Anfang schon Arbeit. Man muss den Unterricht umstrukturieren und zunächst viel vorbereiten. Doch wenn es mal läuft, dann läuft es gut.“

Und was hält die anderen davon ab? 

Es macht am Anfang schon Arbeit. Das dürfen wir nicht unterschätzen. Man muss den Unterricht umstrukturieren und zunächst viel vorbereiten. Doch wenn es mal läuft, dann läuft es gut. Ein anderer Grund ist, dass sich manche in der Rolle als Lernbegleiter nicht wohlfühlen. Das ändert sich allerdings zunehmend. Vor allem junge Lehrkräfte sind da sehr offen. Eine große Hemmschwelle ist auch das Mobiliar. 

Warum das Mobiliar?

Es fehlen passende Möbel. Nicht jeder mag die Hocker aus eigener Tasche bezahlen. Das restliche Mobiliar sollte flexibel sein, nicht so viel Platz beanspruchen und ermöglichen, beim Lernen zu stehen, zu gehen, zu sitzen, auch mal zu lümmeln oder auf dem Boden zu liegen. Trotzdem müssen sich überall digitale Medien einbinden lassen – vor allem nach der Grundschulzeit –  und ohne Kabelgewirr. Wir brauchen also unter anderem einfach zugängliche Möglichkeiten zum Laden. Ideal fände ich auch einen Kreis, der aus unterschiedlichen Hockern besteht, denn jeder braucht ein bisschen was anderes. Es dürfte auch mal eine Couch dazwischen sein.

Wie haben Schüler und Eltern reagiert?

Eltern haben durch die Bank positiv reagiert. Sie sie haben schnell gemerkt, dass es ihren Kindern guttut. 

Die Schüler fanden es anfangs cool. Dann haben sie gemerkt, sie müssen sich umstellen, sie müssen selbstbestimmt lernen – auch ohne allgemeineren Merkeintrag im Heft. Das ist anfangs anstrengend. Einer hat mal zu mir gesagt: Warum werden Sie eigentlich bezahlt, wenn wir doch die ganze Arbeit tun? Der hat erkannt, worauf es ankommt. 
 

Die Umsetzung des Churermodells im Klassenraum – Beispiel

Was würden Sie im Rückblick anders machen?

Ich würde nicht alles auf einen Schlag umstellen, sondern sukzessive vorgehen, um die Kinder nicht zu überfordern. Bei mir war es eine siebte Klasse, als ich in meiner ersten Schule damit anfing – zunächst alles auf einmal, hab dann aber gemerkt, dass es zu viel war – auch für mich. Diese Mal habe ich das Modell schrittweise eingeführt, an den Bedürfnissen der Klasse orientiert, und das hat auch besser funktioniert. Auch würde ich das komplette Modell nicht in einer Abschlussklasse einführen, sondern nur Teile davon. Was vor allem Zeit braucht, ist, die neuen Lernmethoden einzuüben, die Voraussetzung für das selbstständige Lernen sind. Den Unterricht fachlich vorzubereiten ist das Wenigste. 

Was raten Sie Kollegen, die das Churermodell einführen wollen?

Informiert euch, tauscht euch mit anderen aus, probiert es dann aus. Aber geht nur so weit, wie ihr euch sicher fühlt und passt das Modell an die Bedürfnisse eurer Schüler an. Und solltet ihr mal scheitern: Nicht sofort aufgeben! Nur durch Scheitern lernen wir, an welcher Schraube wir drehen können. 

Herzlichen Dank für das Gespräch.
 

Das Churermodell

... ist ein raumpädagogisches Konzept, das 2010 an der Stadtschule Chur entwickelt wurde. Es basiert auf vier Elementen:

  • Das Klassenzimmer wird umgestellt mit Inputkreis und unterschiedlich ausgerichteten Arbeitsplätzen.
  • Am Anfang einer Lerneinheit steht eine kurze Inputphase im Kreis für alle.
  • Das Lernen erfolgt über Lernaufgaben auf unterschiedlichen Niveaus.
  • Die Kinder entscheiden sich selbst für eine Aufgabe und den passenden Arbeitsplatz, an dem sie die Aufgabe allein oder mit anderen bearbeiten. 

Das Modell lässt sich in jedem Raum umsetzen und von der Lehrkraft individuell ausgestalten.

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