
Herr Pallesche, wie hat sich Ihre Schule zur Smart School entwickelt und was steckt dahinter?
Wir haben bereits 2015 ein medienbildnerisches Profil eingeführt. Vorher war ich mit einem Tag pro Woche am Landesmedienzentrum tätig und habe dort viele Impulse mitgenommen. Dann kamen die ersten interaktiven Whiteboards, und schnell wurde klar: Wir wollen nicht nur Geräte, sondern ein Konzept. 2017 wurden wir als erste Smart School in Baden-Württemberg ausgezeichnet.
Was macht Ihre Schule konkret anders als andere?
Viele erwarten eine Schule voller Geräte. Aber entscheidend ist nicht die Ausstattung – obwohl wir mit Tablets, interaktiven Tafeln, Beamertechnik und einem Makerspace sehr gut ausgestattet sind. Entscheidender ist: Wir haben unsere Lehr- und Lernprozesse verändert. Bei uns geht es nicht um Digitalisierung im Sinne von Technik, sondern um Digitalität – also um veränderte kulturelle Praktiken.
Was meinen Sie mit diesen veränderten Praktiken?
Die Digitalisierung hat dazu geführt, dass sich gesellschaftliche Praktiken verändert haben:
- Gemeinschaftlichkeit
- Co-Kreation
- Ergebnisoffenheit
- Partizipation
- Referenzialität
Genau diese Prinzipien übertragen wir auf schulisches Lernen. Wir nennen das postdigital – weil es eben nicht mehr primär um Technik geht, sondern um die Art, wie wir miteinander lernen und leben.
Wie sieht das im Unterricht aus?
Wir setzen auf eine Drittelung: klassische Inputphasen, gemeinschaftliches Arbeiten und selbstorganisiertes Lernen. Die Schülerinnen und Schüler dürfen sich aussuchen, wo sie lernen – im Klassenzimmer, auf dem Flur oder draußen. Manche brauchen mehr Begleitung, aber das Ziel ist immer:
„Mehr Selbstverantwortung, mehr Gestaltung.“
Micha Pallesche, Schulleiter Ernst-Reuter-Schule Karlsruhe
Wie schaffen Sie es, Schule so zu öffnen?
Wir öffnen Räume, Zeiten und Inhalte. Zum einen stehen unsere Türen immer offen – im eigentlichen Sinn. Dann arbeiten wir mit außerschulischen Partnern zusammen. Im Fach „Leben“, das wir eingeführt haben, übernehmen die Schülerinnen und Schüler Verantwortung, ob im Klassenzimmer oder später auch im Quartier: im Altenheim, im Kindergarten, auf dem Gnadenhof. Das ist kein Nebenschauplatz, sondern Teil unseres Konzepts.
Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen diesen Öffnungen und der Kultur der Digitalität?
Wenn ich Schülerinnen und Schüler befähigen will, sich in einer komplexen Welt zurechtzufinden, muss ich Schule als Möglichkeitsraum denken. Die Welt ist nicht mehr klar strukturiert – also muss Lernen Ergebnisoffenheit aushalten, Komplexität anerkennen, gemeinschaftlich funktionieren. Genau das sind Prinzipien der Kultur der Digitalität, wie sie der Schweizer Kultur- und Medienwissenschaftler Felix Stalder beschreibt.
Wie weit ist Schule insgesamt mit dieser Transformation?
Es gibt das SAMR-Modell, um die Nutzung von digitalen Technologien und Medien im Unterricht zu beschreiben. Die Abkürzung steht für Substitution, also Ersetzen, Augmentation für Erweiterung, Modifikation für Änderung und Redefinition für Neubelegung. Viele Schulen bleiben beim „A“ stehen: Es gibt neue Geräte, neue Oberflächen, aber die dahinterliegenden Konzepte bleiben gleich. Für echte Veränderung braucht es jedoch Modifikation und Redefinition. Das bedeutet auch, Rollenverständnisse müssen sich ändern, Prüfungsformate ebenso.
„In unserer Schule geht es um Digitalität statt bloßer Digitalisierung“
Micha Pallesche, Schulleiter Ernst-Reuter-Schule Karlsruhe
Können Sie ein Beispiel nennen?
Wir haben in der Corona-Zeit das Projekt THEA eingeführt – them,enorientiertes Arbeiten. Wir bündeln Inhalte aus einstündigen Fächern wie Biologie, Geografie, Physik zu einem Themenfeld, etwa „Wald“ oder „Energie“. An einem Vormittag pro Woche arbeiten die Schülerinnen und Schüler fächerübergreifend. Sie erstellen Produkte wie Erklärvideos, Modelle oder Präsentationen, zum Teil öffentlich – etwa auf dem Karlsruher Stadtfest. Das ist kollaborativ, kreativ, realitätsnah.
Welche Rolle spielen digitale Medien dabei?
Sie sind nicht mehr nur Werkzeug, sondern Teil des Lernprozesses. Wenn Schülerinnen und Schüler eigenständig Inhalte erstellen, kreativ mit Medien arbeiten, dann werden Medien zum „Lebensmittel“. Es geht nicht mehr darum, analoge Prozesse zu digitalisieren, sondern Lernen neu zu denken.
Wie reagieren Lehrkräfte auf diesen Wandel?
Viele Lehrkräfte haben Schule nie verlassen – sie reproduzieren Strukturen, die sie selbst erlebt haben. Das macht Veränderung schwierig. Aber wir merken, dass sich etwas bewegt. Wichtig ist:
„Transformation gelingt nicht durch Technik allein, sondern durch eine veränderte Haltung“
Micha Pallesche, Schulleiter Ernst-Reuter-Schule Karlsruhe
Was bedeutet das für Leistung?
Wir leben in einer Leistungsgesellschaft – das ist auch in Ordnung. Aber Leistung muss neu gedacht werden: nicht mehr nur als reine Einzelleistung, sondern auch als Fähigkeit, sich in gemeinschaftliche Prozesse einzubringen. Kreativität, Kooperation, Verantwortung – das sind Leistungen unter den Bedingungen der Digitalität.
Was halten Sie von Smartphone-Verboten an Schulen?
Ich halte nichts von pauschalen Verboten. Jugendliche bewegen sich ohnehin in digitalen Räumen. Wichtiger ist es, sie zu begleiten. Wir arbeiten an unserer Schule mit gemanagten Geräten, die geschützt, aber offen genug sind, um sinnvoll damit zu lernen. Nur in der Schule erreichen wir alle Kinder – deshalb gehört Medienbildung dorthin.
Was würde passieren, wenn Schule sich der Digitalität verweigert?
Wenn Schule die Kultur der Digitalität ignoriert, verliert sie Anschluss an die Realität. Wir brauchen Offenheit, Gestaltungswille, Mut zur Veränderung. Nur so bereiten wir Kinder auf eine Welt vor, die immer komplexer wird.
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